Welt geht Krypto – und Swiss Banking schaut zu, trotz regulatorischer Klarheit, solider staatlicher Rückendeckung und einem einzigartigen Blockchain Ökosystem

In letzter Zeit lassen sich vermehrt Beispiele beobachten, in denen sich traditionelle Banken mit Krypto-Angeboten positionieren, und entsprechend exponieren. Sie tun dies obwohl sie über schlechtere Startbedingungen wie der Schweizer Bankenplatz verfügt. 

Was ist los mit unserem traditionellem Swiss Banking?

Mit Seba oder Sygnum haben wir zwei Schweizer Anbieter, die den Zeitgeist früh erkannt und sich im Krypto-Geschäft positioniert, gar eine Banklizenz erhalten haben und Bitcoin Suisse, allerdings (noch) ohne Banklizenz. Diese nebst einem grossen Feld von in der Schweiz ansässigen neuen Krypto-Dienstleistern haben sich bereits seit einiger Zeit auf den Weg gemacht.

Doch weshalb  stehen unsere arrivierten Schweizer Banken im Geschäft mit Kryptowährungen und Kryptoanlagen bislang im Abseits (Swissquote als eher junge und reine online-Bank zählen wir nicht dazu)?

Ein echter Grund für das Zaudern ist nicht ersichtlich, erkennt man Kryptoanlagen als eine Realität, die nicht einfach wieder verschwinden wird. Man könnte die Krypto-Dynamik gar als Chance begreifen und sich rechtzeitig für einen mächtigen Zukunftsmarkt mit effektivem Ertragspotential rüsten, wie dies andere etablierte Banken im Ausland bereits getan haben.

Klar, unsere Schweizer Bankenindustrie ist seit Jahren (Jahrzehnten) damit beschäftigt, digitaler zu werden und damit Effizienzen zu schaffen und die Kundenseitige “Convenience” zu erhöhen. Das ist wichtig und gleichzeitig aufwändig angesichts veralteter Legacy-Systeme und der gewachsenen Erwartungshaltung der Kunden. Damit werden letztlich jedoch  ‘lediglich’ Kosten eingespart und sichergestellt, dass man gegenüber digitaleren Konkurrenten nicht (weiter) zurückfällt. Neugeschäft wird damit regelmässig nicht erzeugt, geschweige denn neue Erträge generiert. 

Sollte der Schweizer Bankenplatz nicht allmählich wieder beginnen, seinen Investitionsfokus im digitalen Bereich von Kostenreduktionsmassnahmen weg und hin zu neuen Geschäftsfeldern richten, die solide Ertragsaussichten bieten? Wenn wir als Schweizer Bankenplatz nicht allmählich beginnen, in diese Richtung zu denken, bleibt es bei Kostenübungen, oder schlimmer, einem Rückzugsgefecht.

Zwei Beispiele aus dem Europäischen und dem U.S. amerikanischen Raum als Gedankenspiel

Zwei jüngste Beispiele aus dem Ausland zeigen, dass es auch anders geht und Krypto als Chance begriffen werden kann. Dabei lässt sich Neues mit ganz klassischem Banken-Kerngeschäft verbinden. Die Beispiele zeigen, dass es neben unternehmerischer Weitsicht auch Vorsicht bedarf. Ein augenscheinlich gewählter Risiko-basierter Ansatz scheint da der vernünftige Ansatz zu sein. 

Beispiel 1: Krypto-gesicherte Kredite an Unternehmenskunden offeriert durch eine 200 Jahre alte U.S. Bank in Partnerschaft mit einem Krypto Dienstleistungsunternehmer

Anfang Juni hat die bank prov., eine 200 Jahre alte amerikanische Traditionsbank (vormals The Provident Bank) kommuniziert, Kreditlinien an seine Unternehmenskunden herauszugeben, die mit der Kryptowährung Ether besichert sind. Sie ist damit weltweit Pionierin. Ihr Angebot vermag sie zu stemmen durch eine Partnerschaft mit Anchorage Digital, einer auf institutionelle Kunden spezialisierten Kryto-Plattform welche die gesamte Wertschöpfungskette über den Handel, Finanzierung, das Staking und die Verwahrung anbietet. Damit verbinden die beiden Institutionen ihre jeweiligen Kernkompetenzen zu einem neuen integrierten Bankprodukt, dem Krypto-besicherten Kredit für Unternehmen, angeboten von einer etablierten Traditionsbank.

Beispiel 2: Handel und Verwahrung von Bitcoin durch die zweitgrösste spanische Bank exklusiv zunächst ihre Privatkunden in der Schweiz

Diese Woche hat BBVA, die zweitgrösste spanische Bank, ein Krypto-Angebot via App lanciert, welches den Bitcoin Handel samt Verwahrung erlaubt. Dem Kunden soll dadurch eine weitergehende Diversifikation seines Anlageportfolios geboten werden, ein Trend der sich auch mehr und mehr im angestammten Bankenbereich durchzusetzen scheint, Kryptoanlagen als separate Vermögensklasse anzusehen. Interessant ist, dass es sich ausschliesslich an in der Schweiz domizilierte Kunden richtet. Die Schweiz hat als eines der ersten und bislang auch eines von wenigen Ländern, bereits einen klaren regulatorischen Rahmen für Dienstleistungen rund um Kryptowerte geschaffen.

Beide Beispiele zeigen, dass es für angestammte Bankhäuser nicht nur theoretisch möglich ist, Dienstleistungen rund um Kryptowerte anzubieten, sondern es bereits First Mover gibt, und einer sich gar an die Stammkundschaft von Schweizer Banken richtet !

Beide Beispiele zeigen sodann, dass ein Risiko-basierter Ansatz zur Einführung gewählt wurde, jeweils begrenzt auf eine spezifische Kundengruppe und nur einen spezifischen Kryptowert (eben ETH oder BTC), sowie im Fall der bank prov. auf eine Partnerschaft mit einem Kryptospezialisten beruhend. Die Kryptoindustrie ist noch jung, hoher Volatilität ausgesetzt und die rechtlichen und regulatorischen Rahmenbedingungen kommen international gesehen einem Flickenteppich gleich. Das alles wird sich über die Zeit geben. Viel wichtiger ist es, die Gunst der Stunde zu nutzen und Marketing-technisch den First Mover Vorteil zu nutzen und dabei gleichzeitig – und aus Risikosicht wesentlich – wertvolle erste Erfahrungen zu machen, um für den Moment gerüstet zu sein, in dem der Markt warmläuft und etwas später derlei Angebote schnell zum Mainstream werden können.

Weshalb wäre der Schweizer Bankenplatz und gerade seine traditionellen Banken prädestiniert, die Rolle des First Movers oder mind. Second to Follow einzunehmen – vor einem EU-Land oder den U.S.?

  • Blockchain Wirtschaft und Blockchain Hub mit internationaler Strahlkraft:
    Früh hat sich die Schweiz zur Blockchain-Nation aufgemacht, teilweise auch angeführt durch das Krypto-Valley in Zug. Mehrere der weltweit wichtigsten Blockchain-Projekte haben sich hier angesiedelt wie die Ethereum-Stiftung (mittlerweile viele weitere wie Tezos, Cardano, Polkadot), und in deren Umfeld wurden zahlreiche Technologiefirmen gegründet. Daneben entwickelte sich eines der weltweit führenden Ökosysteme mit Custodians, Brokern, lizenzierten Krypto-Banken und spezialisierten Dienstleistern (Recht, Steuern, Treuhand etc.). Es werden rund 1’000 Firmen in diesem Sektor gezählt mit insgesamt über 5’000 Mitarbeitern, enormer Kapitalzufluss wird generiert und einer Marktkapitalisierung der entsprechenden Firmen und Projekte im letzten Jahr von über USD 100 Mrd. erreicht.
  • Rechtliche und Regulatorische Klarheit
    Die Schweiz hat sehr schnell eine einheitliche Taxonomie entwickelt und klare rechtliche und regulatorische Vorgaben und Regelungen zum Umgang mit Kryptowährungen und Kryptoanlagen geschaffen, nicht zuletzt die dieses Jahr in Teilen bereits in Kraft getretene DLT-Mandelgesetzgebung. Damit ist sie weiter als die meisten Länder auf der Erde. Liechtenstein hat ebenfalls geliefert. Daneben plant die EU eine entsprechende Regelung, die gegen Ende 2022 in den Mitgliedstaaten in Kraft treten soll (MiCA-Verordnung, Markets in Crypto-Assets). Weit von einer Regulation entfernt sind aber die U.S. Andere Staaten ziehen es vor, Crypto wie Bitcoin zu verbieten, direkt oder indirekt, ganz vorne mit dabei sind China, Russland und die Türkei. Wiederum andere Staaten nehmen selektiv Legalisierungen von Krypto vor, wie unlängst El Salvador, das Bitcoin gar in den Stand einer Staatswährung mit Annahmezwang erhebt. International bleibt das Thema daher zwar noch für eine Weile ein Flickenteppich, die Schweiz hat innerhalb ihrer Jurisdiktion jedoch bereits für Rechtssicherheit gesorgt, was auch im Ausland bekannt ist, wie das Beispiel der BBVA eindrücklich zeigt.
  • Regierung und Parlament stehen hinter der Blockchain Nation Switzerland
    Diese Aussage lässt am besten durch einen kurzen Rückblick darauf belegen, wie schnell das DLT-Gesetz zustande kam. Es dauerte weniger als 3 Jahre. Selbst für gesetzgeberische Vorhaben, die weit weniger technisch und komplex sind, sind 5-6 Jahre die Norm. Noch erstaunlicher als die Geschwindigkeit war allerdings die Einmütigkeit in den Räten bei der Endabstimmung über das Gesetz: Im Nationalrat wurde das Gesetz mit 196:0 und im Ständerat mit 44:0 Stimmen angenommen, ein Resultat, das seinesgleichen sucht und für sich spricht.
  • Weitere Aspekte
    Neben den oben aufgeführten Kernargumenten bestehen viele weitere. Eine sei hier auch aus aktuellem Anlass abschliessend noch genannt, die Kapitalunterlegungspflichten für Kryptoanlagen seitens des Banken-Regulators FINMA. Diese zeigte den Banken im 2018 bereits an, Bitcoin & Co ein Risikogewicht von 800 Prozent in ihren Bilanzen zuzuweisen. Das erscheint im Vergleich zum letzte Woche seitens der BIZ vorgeschlagenen Satz von 1’250% geradezu paradiesisch tief. Auf welchem Niveau sich der BIZ Vorschlag,  letztlich einpendeln wird, dem immerhin 28 Mitgliedstaaten angehören, wird sich noch weisen. Das wird auch Einfluss auf Geschäftsmöglichkeiten wie mit Kryptowährung besicherten Krediten haben (s. Beispiel der bank prov. oben). In jedem Fall zeigt sich auch hier, wie Krypto-freundlich in dieser speziellen Frage selbst der Schweizer Bankenregulator eingestellt ist.   

Ein vorläufiges Fazit

Der Weg ist also geebnet, sollte man meinen. Was also fehlt noch, damit traditionelles Swissbanking die Brücke von der alten in die neue Zukunft schlägt?

Hier ein Auszug aus den Unternehmenswerten der bank prov.: “Mut. Wir umarmen den Wandel. Wir stellen den Status quo in Frage.”

Was da genannt wird, sind im Grunde fundamental unternehmerische Tugenden. Gleichzeitig hören sich diese Worte aber auch an, wie Mission Statements vieler unserer Schweizer Banken. Ganz offensichtlich werden derlei Missionen aber sehr unterschiedlich interpretiert. 

Der Schweizer Bankenplatz hat in den vergangenen Jahrzehnten wahrlich diverse Krisen erlebt und überlebt. Einige waren dabei auch ganz selbstverschuldet, wie auch die jüngste Vergangenheit wieder schmerzhaft aufzeigt.

Mehr solider Unternehmergeist, Innovationskraft und Geschäftssinn würde dem Schweizer Bankenstandort gut zu Gesichte stehen, Tugenden und Werte im Übrigen wie sie nicht neu für die Schweiz sind, im Gegenteil (s. z.B. die Annalen der Schweizerischen Kreditanstalt).  

Es ist also angerichtet und warum sich nicht auf alte Tugenden berufen sich bietende Chancen anpacken, um sich allmählich an das neue Geschäft heranzutasten. Ein erster Schritt müsste jedoch bald gemacht werden … der Zug rollt bereits.

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